Grafiken und historische Recherche von
Gaius Publius Tullianus
Dies ist die Geschichte eines Mannes, der zum Spielball der
Mächtigen wurde – geboren in der kurzen Zeit zwischen Freiheit und
Unterdrückung und zwischen Krieg und Frieden. Thumelicus, Sohn des
Arminius und der Thusnelda, wuchs im Schatten großer Namen auf.
Rom sah in ihm nicht den Menschen, sondern das Symbol einer
Niederlage.
Was bleibt von einem Menschen, wenn andere über sein Schicksal
bestimmen? Wie lebt einer, dessen Name nur in Randnotizen
überliefert ist?
Diese Erzählung gibt Thumelicus einen Platz und eine Stimme –
zwischen Arena und Philosophie, Zorn und Versöhnung, Glaube und
Zweifel. Vieles ist Fiktion, manches beruht auf Berichten,
Vermutungen, Möglichkeiten. Aber alles ist getragen von dem
Versuch, ihn zu verstehen - nicht als Figur der Geschichte,
sondern als Mensch.
Ein schlichter Raum einer Gladiatorenschule in Ravenna im 17.
Jahr von Kaiser Tiberius. Auf einem kleinen Holztisch liegt
Papyrus, daneben ein Tintenfass und ein Calamus (Schreibgerät aus
Schilfrohr). Thumelicus sitzt still, die Stirn in Falten, der
Blick leer. Es ist spät, eine Öllampe flackert. Dann beginnt er zu
schreiben...
Mein Lehrer gab mir dieses Schreibzeug. 'Schreibe, Thumelicus',
sagte er, 'es wird dich ordnen.'
Er glaubt nicht an die Götter – weder die der Römer, noch
die meines Volkes. Und doch war es sein Glaube an die Pflicht,
an den Menschen, der ihn stark machte. Aber ich… ich bin
zwischen den Welten. Ich habe von Paulus gehört, von einem Gott,
der seinen Sohn geopfert hat. Es klingt edel, aber auch grausam.
Und von den römischen Göttern habe ich genug gehört – launisch,
eitel, und oft blind für Gerechtigkeit.
Aber dann ist da Freya. Sie hat mir von den alten Göttern
meines Volkes erzählt. Von Wodan, der alles sieht. Von Donar,
dem Donnergott, der mit seinem Hammer gegen Feinde und Stürme
kämpft. Von Tiwaz, dem Gott des Kampfes und des Rechts. Sie hat
mir erzählt, wie mein Vater vor der Schlacht die Seherin
aufsuchte – ihre eigene Mutter – und wie sie ihm prophezeite,
dass die Götter auf seiner Seite stehen würden. Dass die Wälder
und die Stürme ihm helfen würden, wenn er für die Freiheit
kämpft. Und dann kam der Sturm. Die Römer sagen, es war Pech.
Das Wetter. Der Zufall. Aber Freya sagt, es war Donars Zorn –
das Zeichen, dass unser Land seine Kinder nicht preisgibt. Mein
Vater wusste das. Er hat nicht für sich gekämpft, sondern für
ein freies Volk. Für eine Zukunft ohne Ketten. Ich will
erzählen, was wirklich war. Nicht in der Sprache der Sieger,
sondern in meinen Worten. Ich will verstehen, wer mein Vater war
– nicht nur der Krieger, sondern der Mensch. Und vielleicht,
indem ich seine Geschichte schreibe, finde ich auch meine
eigene.
Er taucht den Calamus erneut in Tinte, atmet tief durch und fährt
fort zu schreiben:
Mein Vater war Siegfried aus Vetera (heute Xanten). Die Römer
nannten ihn Arminius.
Der Name meines Vaters wird in Rom geflüstert wie ein
Fluch. Arminius der Verräter - der Barbar oder soll ich
Freya glauben und anderen aus meinem Volk, die seine Taten
in Liedern besingen. Siegfried der Held und Befreier. Ich
weiß nicht, was wahr ist.
Was bleibt von einem Namen, wenn andere ihn mit ihrer
Wahrheit füllen?
Ich bin sein Sohn, aber auch ein Sohn Roms. Gezogen an den
Zügeln der Disziplin, aufgewachsen mit einer fremden Sprache,
belehrt mit fremden Göttern.
Bin ich frei, wenn ich gehorche? Bin ich ehrenhaft, wenn
ich meine Wurzeln vergesse?
Mein Lehrer Philomenos sagt, Gedanken sollen wachsen. Aber
sie wachsen wie Dornen - jede Erinnerung sticht.
Doch hier bin ich und ich schreibe. Weil ich wissen will,
wer ich bin. Nicht nur der mit dem Schwert in der Hand sondern
auch der mit der Frage im Herzen.
Alles begann für mich mit einer Begegnung.
Die Sonne brennt erbarmungslos. Zwei junge Männer kämpfen in
einer Arena mit ihren Schwertern. Ein unachtsamer Moment, an dem
er das Schild zu weit unten hält, ein Hieb mit dem Schwert und
einer der Kämpfer geht zu Boden. Als er liegenbleibt und Blut von
seinem Hals herunter läuft, kommen ein paar Männer um ihm zu
helfen. Luca - der Trainer der beiden - ruft nach einem Sklaven
und befiehlt ihm einen Arzt zu holen. Er hat aufgrund seiner
Erfahrungen sofort gesehen, dass diese Wunde behandelt werden
musste. Inzwischen tragen zwei Männer den Verletzten zu seinem
Lager und verbinden notdürftig seine Wunde. Luca schnaubt
missbilligend, als der Sklave mit einer Frau zurückkehrt.
„Das ist der Arzt?“ knurrt er kritisch.
Freya tritt unbeirrt näher, ein strenger Blick zu Luca der diesen
verstummen lässt, ihre Bewegungen ruhig und zielgerichtet.
„Ich bin mehr als das. Nun mach Platz.“
Ohne auf weitere Kommentare zu warten, kniet sie sich neben den
auf dem Lager liegenden Thumelicus. Er hat die Zähne
zusammengebissen, doch der Schweiß auf seiner Stirn verrät, dass
der Schmerz heftig ist. Freya schneidet vorsichtig den
provisorischen Verband auf. Der Stoff ist inzwischen vom Blut
durchtränkt. Sie verzieht keine Miene. Aus einem kleinen
Ledersäckchen holte sie eine Phiole mit Wein und säubert damit die
Wunde, während Thumelicus leise zischt.
„Stillhalten“, sagt sie ruhig und beginnt mit sicherer Hand, die
klaffende Schnittwunde zu behandeln. Mit geübten Stichen vernäht
sie die Wunde mit einer Tiersehne die sie an einer Bronzenadel
aufgezogen hat. Als sie fertig ist, legt sie eine Paste aus
Öl und getrockneten Kräutern auf.
Luca hat alles beobachtet. Seine verschränkten Arme lockern sich.
Ein anerkennendes Nicken. Ohne ein weiteres Wort wendet er sich ab
und geht.
Freya und Thumelicus sind nun allein. „Setz dich auf. Ich muss
deine Schulter neu verbinden.“
Er stützt sich hoch, noch etwas schwach, und sie zieht vorsichtig
die eingerissene Tunika über seinen Kopf. Der Stoff bleibt
kurz an der Schulter hängen, dann liegt sein Rücken frei. Freya
legt den Verband um ihn, führt ihn sorgfältig über Schulter, Brust
und Rücken. Dann hält sie inne. Ihr Atem stockt.
„Was ist?“ fragt Thumelicus und dreht den Kopf.
Sie berührt sanft eine Stelle an seinem Rücken und flüstert:
„Dieses Muttermal…“ Es war oval, leicht geschwungen, wie ein Blatt
- unter dem linken Schulterblatt.
„Was ist damit?“
Freya tritt einen Schritt zurück. In ihren Augen liegt Staunen,
fast wie Furcht.
"Dein Name? Bist du Thumelicus?"
Er nickt. „Dein Vater… hatte dasselbe. Genau an dieser
Stelle.“
Thumelicus starrt sie an. Etwas regt sich in seinem Innersten, ein
Versuch der Erinnerung.
„Dieses Muttermal…“ murmelt sie weiter - ihre Stimme ist kaum
hörbar.
„Ja?“
Sie tritt einen Schritt zurück, ihre Augen weiten sich. „Ich kenne
es… ich kenne es so gut. Du hattest es schon als Neugeborener.“
Thumelicus runzelt die Stirn. „Woher…?“
Freya blickt ihn an, tief bewegt. „Ich war dabei als du zur
Welt gekommen bist.“
Stille.
Freya bricht das Schweigen und beginnt zu erklären: „Ich war die
Dienerin deiner Mutter. Ich half ihr bei deiner Geburt. Als es
soweit war… war ich es, die dich in den Armen hielt, als du das
erste Mal geschrien hast. Und dieses Mal… ich habe es nie
vergessen.“
Thumelicus senkt den Blick. Ein Bild der Erinnerung, vielleicht
eingebildet, vielleicht echt, zuckt durch seinen Geist.
"Wer ist meine Mutter? Wo ist sie? Warum ist sie nicht bei mir?"
Freya senkt den Blick. "Deine Mutter starb als du noch sehr klein
warst - etwa zwei Jahre. Danach bist du bei mir aufgewachsen.
Mit sechs Jahren haben sie dich mir weggenommen - wohl damit du
deine Wurzeln vergisst und zu einem richtigen Römer wirst."
"Und wer ist mein Vater?" fragt Thumelicus. "Lebt er noch?"
Freya erwidert: "Dein Vater ist Siegfried. Siegfried aus Vetera.
Leider starb auch er vor ein paar Jahren."
"Siegfried? Siegfried aus Vetera?" fragt Thumelicus verwirrt.
"Die Römer gaben ihm den Namen Arminius"
"Arminius - dem Verräter?" ruft Thumelicus zornig "Sag, dass das
nicht wahr ist. Mein Lehrer Philomenos hat uns erzählt er sei der
größte Feind und ein Verräter Roms." Er steht nun ganz aufrecht,
trotz des Verbandes. Seine Augen leuchten.
Freya tritt einen Schritt zurück, erstaunt über die plötzliche
Klarheit in seiner Stimme. Doch plötzlich lächelt sie. "Du
erinnerst mich sehr an deinen Vater. Du hast auch seine
Leidenschaft. Unser Volk feiert Arminius als Befreier - nicht als
Verräter.“
Sie wechselt schnell das Thema: "Du hattest Glück, dass ihr nur
mit Holzschwertern trainiert habt. Einen solchen Schwerthieb mit
einem echten Schwert hättest du nicht überlebt." und etwas leiser
fährt sie fort: "und ich hatte Glück, dass ich dich heute
wiedergefunden habe. Ich spreche mit Luca, damit er dir die Zeit
gibt die du brauchst, damit deine Wunden heilen und ich komme in
ein paar Tagen wieder, um nach dir zu sehen."
Freya beugt sich zu einer vorsichtigen Umarmung zu Thumelicus.
Einen Augenblick lang bleibt er reglos – dann erwidert er die
Umarmung. Fest. Wie jemand, der plötzlich Halt spürt, den er lange
nicht mehr kannte.
Als sie sich lösen, schaut Thumelicus sie an – und plötzlich hellt
sich sein Gesicht auf. Seine Augen weiten sich, sein Blick wird
weich, überrascht, fast kindlich staunend. Thumelicus ruft
begeistert: „Deine Haare…“
Freya runzelt leicht die Stirn, sieht ihn fragend an.
Thumelicus: „Der Geruch… Ich kenne ihn. Schon so lange. Ich…
ich erinnere mich.“
Er schließt kurz die Augen, atmet tief ein – ein Hauch von
Trockenkräutern liegt in der Luft.
„Das war... immer da. Wenn du mich im Arm hattest oder wenn ich
eingeschlafen bin, während du am Feuer gesessen hast.“
Freya nickt, ein sanftes, wissendes Lächeln auf den Lippen. „Ich
wasche meine Haare immer mit den gleichen Kräutern. Seifenkraut,
Rosmarin, Wacholder, ein wenig Schafgarbe. So, wie meine Mutter es
mir beigebracht hat.“
Er senkt den Blick, gerührt, aber gestärkt. In diesem Moment
beginnt etwas in ihm, sich zu fügen – Vergangenheit, Herkunft,
Identität. Ein erster Schritt zurück zu sich selbst.
Freya erzählt weiter: "Es war ein kalter Morgen, als sie dich
mitnahmen.“ Sie blickt ins Leere, die Finger um ihren Gürtel
geklammert. „Du warst gerade sechs Jahre alt geworden. Alt genug,
um zu verstehen, dass das hier kein Spiel war und stolz genug,
nicht mehr zu weinen.“ Sie berichtet, dass drei Männer kamen.
Römische Soldaten, begleitet von einem städtischen Beamten. Sie
hatten Schriftstücke, Siegel, Befehle. Keine Erklärungen.
Thumelicus solle nun ,in eine neue Phase der Erziehung' überführt
werden – so nannten sie es. „Ich durfte dir nicht mal die Haare
ordnen, bevor sie dich mitnahmen. Du kamst in eine Einrichtung in
Rom oder Umgebung – eine Art Paedagogium. Man erklärte mir später,
das sei ein Ausbildungsort für fremde oder als Geiseln genommene
Kinder. Dort lernen sie Latein, Geschichte, Disziplin und
römisches Denken – und werden auf ihre Rolle als Verbündete oder
Beamte im Dienste Roms vorbereitet. Ich wurde wenige Monate später
verkauft. Deine Mutter Thusnelda war tot und du Thumelicus warst
fort. Somit es gab keine Rolle mehr für eine germanische Dienerin
in diesem Haushalt. Ein Arzt aus Ravenna, ein ruhiger Mann mit
scharfen Augen, hatte einmal erlebt, wie ich einem verletzten Kind
geholfen habe – mit Kräutern, Verbänden, Ruhe und altem Wissen. Er
sagte, meine Fähigkeiten seien zu wertvoll, um sie als
Küchenhelferin versauern zu lassen. Er kaufte mich – oder rettete
mich, je nach Blickwinkel – und nahm mich mit nach Ravenna, wo ich
ihn fortan unterstützte: als Helferin, Heilerin, Kräuterkundige.
Aber ich vergaß meinen Thumelicus nie. Und irgendwo hoffte
ich auch , dass er sich noch an mich erinnert."
Plötzlich wechselt Freya von Latein auf Cherusk: "Sprichst du
eigentlich unsere alte Sprache noch?" Als Thumelicus ihr spontan
auf Cherusk antwortet: "Natürlich oder glaubst du ich habe alles
vergessen." lächelt Freya überglücklich. "Du warst damals noch
sehr jung und außer deiner Mutter und mir hat keiner mehr diese
Sprache gesprochen."
Thumelicus antwortet: "Ich hatte einige Mitschüler und in dem
Haus, in dem ich aufwuchs war eine Dienerin in der Küche und ein
weiterer Cherusker, der die Pferde für die Wagenrennen betreute
und trainierte. Sie haben mir geholfen, die Sprache nicht zu
vergessen. Ich durfte sogar manchmal übersetzen, weil dieser sich
weigerte Latein zu sprechen. Ich wusste, dass er es konnte, aber
er kannte wohl seinen Wert für den Besitzer und darum konnte er
sich einige kleine Marotten erlauben.
Er sprach zwar mit den Pferden, aber nicht mit den Römern. Das war
wohl sein bescheidener Widerstand gegen Roms Herrschaft."
Thumelicus musste unwillkürlich grinsen als er an diesen seltsamen
Mann dachte.
In der Unterkunft der Gladiatorenschule, spät am Abend. Ein
flackerndes Öllämpchen spendet spärliches Licht. Thumelicus sitzt
auf seinem Lager, die Arme verschränkt, der Blick leer. In der Tür
steht plötzlich ein Mann mit einem grauen Bart.
Thumelicus mit schwacher Stimme: "Philomenos - mein alter
Lehrer. Woher wusstest du wo du mich findest?"
"Thumelicus mein guter - mein bester Schüler... Freya hat mich
aufgesucht und mir deine und ihre Geschichte erzählt. "
Thumelicus: "Ich hätte nicht gedacht, dass du dich noch
erinnerst."
Philomenos setzt sich an die Lagerkante: Ich erinnere mich an
jedes Kind, das ich unterrichtet habe. An dich besonders,
Thumelicus. Du hast Fragen, nicht wahr?
Thumelicus blickt ihn prüfend an: "Ja. Eine - vielleicht mehrere.
Warum hast du damals gesagt… Arminius - mein Vater sei ein
Verräter? War das deine Überzeugung… oder war es das, was Rom von
dir hören wollte?"
Philomenos seufzt und senkt den Blick: "Ich habe es gesagt… vor
vielen Ohren. Vielleicht habe ich es damals auch gedacht."
Thumelicus: "Und heute - unter vier Ohren? Wieso ist Arminius zum
Verräter an Rom geworden?"
Philomenos: "Das weiß ich auch nicht, aber ich kann mir die Gründe
dafür denken. Die Völker die dein Vater vorher half zu
unterwerfen, hatten für ihn keine Bedeutung. Als er aber in seine
Heimat zurück kam und er Menschen aus seinem eigenen Volk sah wie
Rom ihnen ihre wenige Nahrung wegnahm, römisches Recht durchsetzte
und grausame Strafen bei Nichtbeachtung verhängte ist wohl etwas
in ihm erwacht.
Varus statt milde zu herrschen, übte eine grausame Herrschaft
aus. Als einmal Aufstände ausbrachen, ließ er tausende Germanen
gefangen nehmen und sie auf das Schlimmste hinrichten, vor allem
durch Kreuzigungen, um die übrigen mit Furcht zu erfüllen und
die Ordnung wiederherzustellen.“ (Tacitus, Annalen
1,29)
Velleius Paterculus sagte über Varus: „Dieser stammte aus einer
angesehenen, wenn auch nicht hochadligen Familie. Er war von
milder Gemütsart, ruhigem Temperament, etwas unbeweglich an Körper
und Geist, mehr an müßiges Lagerleben als an den Felddienst
gewöhnt. Dass er wahrhaft kein Verächter des Geldes war, beweist
seine Statthalterschaft in Syrien: Als armer Mann betrat er das
reiche Syrien, und als reicher Mann verließ er das arme Syrien.
Als er Oberbefehlshaber des Heeres in Germanien wurde, bildete er
sich ein, die Menschen dort hätten außer der Stimme und den
Gliedern nichts Menschenähnliches an sich, und die könne man durch
das römische Recht lammfromm machen.... Dadurch wiegte sich
Quintilius Varus in höchster Sorglosigkeit, ja, er fühlte sich
eher als Stadtprätor, der auf dem römischen Forum Recht spricht,
denn als Oberbefehlshaber einer Armee im tiefsten Germanien.“
Thumelicus hakt nach: "War mein Vater also ein Verräter oder was
war er sonst?"
Philomenos: "Er hat gekämpft für das, was er als gerecht
sah. Heute, mit Abstand, erkenne ich: Er war kein Verräter.
Er war ein Mann, der sich für seine Wurzeln, für sein Volk
entschied."
Thumelicus flüstert: "Und ich? Was soll ich sein?"
Philomenos winkt ab: "Nicht, was andere dir sagen.
Finde deine eigene Entscheidung. So wie dein Vater es tat. Aber
überlege, ob sie aus dem Zorn entspringt – oder aus der Hoffnung."
Sie schweigen. Draußen rufen Soldaten, Schritte hallen. Doch für
einen Moment ist es still zwischen den beiden.
Philomenos leise: "Ich habe lange gebraucht, das zu
begreifen. Ich hoffe, du brauchst weniger Zeit."
Thumelicus nachdenklich: "Ich habe gekämpft, gehorcht, überlebt.
Aber wofür? Ich weiß es nicht mehr, wer ich bin… oder was das
alles bedeuten soll."
Philomenos ruhig: "Die Frage nach dem Sinn stellt sich
jedem, der den Lärm der Welt hinter sich lässt. Du bist bereit,
weil du zweifelst."
Thumelicus: "Aber ich spüre nur Leere. Was, wenn alles Leid
umsonst war?"
Philomenos nickt: "Der Stoiker Epiktet sagte einst: „Nicht
die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern unsere Meinung über die
Dinge. Das bedeutet: Es ist nicht das Leid, das dich quält,
sondern wie du es bewertest."
Thumelicus leise: "Du meinst… ich kann selbst entscheiden,
wie ich damit umgehe?"
Philomenos: "Ja. Sinn liegt nicht in den Umständen, sondern in der
Haltung, die du ihnen entgegensetzt. Du musst nicht verstehen,
warum alles geschah – aber du kannst wählen, was du daraus
machst."
Thumelicus: „Sag, mein Freund… du kennst so viele Götter – wer ist
dir am nächsten? Wem vertraust du in dunklen Stunden?“
Philomenos schmunzelt und überlegt einen Moment, bevor er sagt:
„Zwei Namen kommen mir in den Sinn: Athene… und Wodan.“
Thumelicus hebt überrascht die Augenbrauen: „Eine seltsame Wahl.
Eine Göttin aus dem Süden, ein Gott aus dem hohen Norden.“
Philomenos nickt: „Mag sein. Doch beide tragen Weisheit in sich –
eine, die schwerer wiegt als Macht oder Ruhm. Athene ist die
griechische Göttin der Weisheit, der Kunst und der Gerechtigkeit.
Sie ist die Tochter des Zeus, der sie laut Mythos aus seinem Kopf
gebar. Athene ist klug, mutig und gerecht, aber auch nüchtern und
diszipliniert. Sie bevorzugt kluge Taktik über rohe Gewalt.
Wodan – der Wanderer, der Einäugige. Er gab sein Auge für
Erkenntnis, hing neun Nächte am Weltenbaum, um die Runen – die
Geheimnisse des Daseins – zu erlangen. Er ist kein sanfter Gott.
Aber er sucht Wissen, selbst wenn es ihn schmerzt. Er weiß, dass
das Ende kommt – Ragnarök – und doch kämpft er nicht aus Hoffnung
auf Sieg, sondern aus Pflicht und Ehre.“
Thumelicus begreift: „Zwei Götter, so verschieden… und doch…
vielleicht haben sie mehr gemeinsam, als man denkt.“
Philomenos: „Genau das, mein Junge. Die Götter lehren uns – nicht
durch ihr Sein, sondern durch das, was sie von uns fordern. Den
Mut, zu fragen. Die Kraft, zu wählen. Und manchmal… den Willen,
das Schwere anzunehmen.“
Thumelicus sitzt nachdenklich, starrt in die Glut des kleinen
Feuers.
„Philomenos… betest du zu ihnen? Bringst du Opfer für deine
Götter?“
Philomenos blickt still in die Dunkelheit, dann schüttelt er den
Kopf: „Nein. Schon lange nicht mehr.“
Thumelicus runzelt die Stirn. „Aber du hast doch eben von Athene
und Wodan gesprochen.“
Philomenos nickt: „Ich ehre sie – als Sinnbilder, als
Spiegel der menschlichen Suche. Doch mein Weg hat sich gewandelt.
Früher glaubte ich, die Götter erhören Bitten, nehmen Opfer an,
greifen ein. Heute… folge ich anderen Lehren. Der Stoa.“
Thumelicus: "Stoa? Was ist das?“
Philomenos lächelt schwach: „Kein Tempel, kein Altar. Die Stoa ist
ein Weg der inneren Ruhe. Der Vernunft. Sie lehrt: Nicht die
Götter bestimmen unser Glück, sondern unser Umgang mit dem, was
geschieht. Wir können das Schicksal nicht lenken – aber wir können
lenken, wie wir ihm begegnen.“
Thumelicus senkt den Blick.
„Und was ist mit Hoffnung? Mit Bitten, dass es anders kommt?“
Philomenos: "Der Stoiker bittet nicht um ein leichteres
Leben. Er bittet um die Kraft, es zu ertragen. Weisheit, Mut,
Gerechtigkeit, Selbstbeherrschung – das sind seine Götter. Nicht
auf dem Olymp, sondern in uns.“
Thumelicus denkt nach, schweigt lange. Dann flüstert er:
„Ein harter Weg.“
Philomenos sieht ihn ruhig an: „Vielleicht. Aber auch ein
freier. Denn wer nichts erwartet, wird nicht enttäuscht. Und wer
in sich ruht, kann selbst im Sturm stehen.“
Thumelicus sieht ihn an, dann fragt er:
„Aber wie… wie soll ich das in meinem Leben nutzen, Philomenos?
Ich bin ein Gefangener. Ein Kämpfer, gezwungen zu töten. Was hilft
mir da Vernunft und Gleichmut?“
Philomenos antwortet ruhig: „Gerade dort, wo dir alles genommen
wird – Freiheit, Sicherheit, Würde –, bleibt dir eines - deine
innere Haltung. Du kannst nicht wählen, ob du kämpfst. Aber du
kannst wählen, wie du kämpfst. Ob du dich vom Hass leiten lässt,
vom Zorn… oder von Klarheit.“
Thumelicus schüttelte den Kopf. „Und wenn ich falle? Wenn ich
sterbe in dieser Arena?“
Philomenos nickt und sagt: „Dann stirb, wie ein freier Mann weil
dein Geist frei ist. Nicht als Werkzeug deiner Herren, sondern als
jemand, der das Leben nicht an der Länge misst, sondern an der
Würde. Das ist die stoische Freiheit: selbst im Tod nicht besiegt
zu sein.“
Thumelicus flüstert: „Leicht ausgesprochen - schwer
umzusetzen.“
Philomenos nickt bestätigend: „Ich weiß. Aber du bist nicht
allein. Die Götter, ob Athene oder Wodan, mögen schweigen. Doch in
deinem Herzen – da entscheidet sich alles.“
Philomenos lächelt mild, als er sieht, wie ernst Thumelicus jetzt
drein blickt. „Weißt du noch, was ich meinen Schülern immer sagte,
wenn sie dachten, das Leben sei zu schwer?“ Er wartet nicht auf
die Antwort. „Solange du denken kannst, lebst du. Also denk nicht
ständig ans Sterben, Thumelicus…“ Er beugt sich ein wenig näher zu
ihm und sagt dann in feierlichem, weichem Tonfall auf griechisch:
„Ouk estin sêmeron agathē hēmera pros thanaton.“
Thumelicus blinzelt – und dann lacht er leise. Er sieht zu
seinem Lehrer und übersetzt stolz: „Heute ist kein guter Tag zum
Sterben.“
Ein Lächeln huscht über das Gesicht des Lehrers - stolz darauf,
dass seine Lehren nicht vergessen worden sind.
Das war ein Lieblingsspruch von Philomenos. Damals dachte
Thumelicus wenig darüber nach. Inzwischen verstand er was er damit
meinte: "Pass auf dich auf. Lebe jetzt und heute - wer weiß schon
was der nächste Tag bringt."
Für einen Moment war er nicht der Gladiator, nicht der Sohn eines
Helden. Er war einfach nur ein junger Mann – der das Leben Wert
schätzte.
Thumelicus nachdenklich, mit Blick auf Philomenos: "Du bist aus
Griechenland, nicht wahr? Was hat dich her geführt… nach Rom?
Warum arbeitest du für jene, die dein Volk unterworfen haben?"
Philomenos leise lächelnd: "Eine Frage, die ich mir selbst oft
gestellt habe, Junge. Ich kam nicht in Ketten – ich kam aus Not.
Griechenland war nicht mehr das, was es einst war. Die großen
Städte voller Streit, die Felder leer, die Gelehrten verarmt. Rom
versprach Lohn und Brot… und ein Publikum für unsere Worte."
Thumelicus mit leiser Bitterkeit: "Also hast du dein Wissen
verkauft?"
Philomenos ernst werdend: "Nein. Ich habe es bewahrt. Wenn unser
Volk gefallen ist, dann bleibt uns nur, dass man uns noch zuhört.
Die Philosophie, die Sprache, die Gedanken meiner Ahnen – sie
leben weiter, weil wir sie mitgebracht haben. Nicht mit dem
Schwert, sondern mit Wort und Schrift."
Thumelicus: "Und wie kam es überhaupt so weit?
Wie hat Rom euer Land gebrochen?"
Philomenos blickt in die Ferne: "Nicht in einem Tag. Nicht in
einer Schlacht. Zuerst kamen Verträge, dann Abhängigkeit… dann
Bürgerkriege, in denen wir uns selbst geschwächt haben. Rom war
klug. Es kam nicht immer mit Gewalt – es kam mit Münzen, mit
Bündnissen, mit dem Versprechen auf Ordnung. Und am Ende… war die
Freiheit dahin, bevor wir es merkten."
Thumelicus leise: "Und jetzt lehrst du Söhne der Besiegten… im
Dienst der Sieger?"
Philomenos nach kurzem Schweigen: "Ich lehre, wem ich begegnen
darf. Vielleicht, damit Menschen wie du eines Tages klüger
entscheiden als wir. Wissen ist das Einzige, das kein Imperium
wirklich beherrschen kann."
Das Licht fällt gedämpft durch eine kleine Öffnung in der Wand.
Thumelicus richtet sich mühsam auf. Sein Blick ist angespannt, die
Stimme fester. Thumelicus mit unterschwelligem Zorn: "All die
Jahre… Du hast mir Lesen beigebracht, von den Göttern
erzählt, mir Fragen gestellt – aber nie die eine beantwortet, die
über allem lag. Warum hast du nie gesagt, wer ich wirklich
bin?"
Philomenos überrascht, betroffen: "Ich… wusste es nicht,
Thumelicus. Als du mir damals übergeben wurdest, hieß es nur: ein
germanisches Waisenkind, aufgenommen von der Familie eines
verdienten Offiziers. Namen wurden verschwiegen – vielleicht aus
Angst, vielleicht aus Vorsicht. Dein Ursprung war ein Geheimnis…
Ich möchte dir auch den wichtigen Rat geben dies keinem Anderen zu
erzählen. Arminius hat keinen guten Klang im Ohr eines Römers.
Viele haben in den Kämpfen gegen Arminius ihre Söhne, Brüder oder
Väter verloren."
Philomenos sanft: "Dein Blick, dein Trotz, dein Drang zu verstehen
– vielleicht hätte ich etwas ahnen können. Aber auch ich bin Teil
dieses römischen Spiels geworden, habe dich gelehrt, ohne zu
wissen, welche Last du trägst. Doch jetzt, da du weißt, wer du
bist – was wirst du tun?"
Thumelicus leise: "Ich weiß es nicht. Aber zum ersten Mal… habe
ich das Gefühl, dass ich selbst entscheiden kann, wer ich sein
will."
Philomenos nickt langsam: "Dann war es nicht umsonst, dass ich
gekommen bin. Und nicht zu spät."
"Wie meinst du das? Ich bin hier Gefangener. Welche Möglichkeiten
habe ich außer in der Arena zu überleben oder zu sterben?"
"Du bist ein schlauer Kopf. Du hast schon im Unterricht nicht nur
auswendig gelernt sondern alles hinterfragt."
Thumelicus müde: "Was nützt mir das Denken, wenn ich mit dem
Schwert überleben muss?"
Philomenos setzt sich neben ihn: "Gerade deshalb. Ein Muskel, der
nicht bewegt wird, verkümmert. Glaub mir – das gilt für den Arm
wie für den Verstand. Du kannst stark sein in der Arena. Aber
bleib frei hier." Er tippt sich gegen die Schläfe.
Thumelicus blickt ihn an: "Und wie soll ich d…"
Philomenos ruhig: "Du solltest schreiben, Thumelicus. Was
dich bewegt. Was dich antreibt. Wer du bist. Nicht nur
kämpfen. Dein Geist muss atmen, genau wie dein Körper sich
bewegen muss."
Thumelicus zweifelnd: "Und wenn jemand es findet? Was, wenn ein
Aufseher liest, was ich denke?"
Philomenos setzt sich neben ihn, spricht leise: "Dann gib es mir.
Ich werde es aufbewahren. Sicher. Niemand wird es sehen außer mir.
Deine Gedanken verdienen einen Ort, an dem sie wachsen dürfen –
frei von Furcht."
Thumelicus zögert, dann leise: "Warum tust du das?"
Philomenos lächelt: "Weil dein Geist zu wertvoll ist, um im
Schatten zu verkümmern. Du bist nicht nur ein Kämpfer, Thumelicus.
Du bist ein denkender Mensch. Und eines Tages wirst du froh sein,
dass du all das festgehalten hast."
Thumelicus blickt nachdenklich zur Lampe: "Vielleicht schreibe
ich. Über Freiheit Hoffnung Ehre..."
Philomenos steht auf, nickt zustimmend: "Dann besorge ich morgen
Papyrus und Tinte. Und einen sicheren Platz. Versprochen."
Ein paar Tage sind vergangen, seit Freya Thumelicus
wiedergefunden hat. In der kleinen, stillen Kammer riecht es noch
immer nach Kräutern. Freya tritt ein, trägt einen Korb unter dem
Arm und ein weiches Lächeln im Gesicht.
„Zeit, deinen Verband zu wechseln“, sagt sie sanft und beginnt,
mit geübten Händen den Stoff zu lösen.
Thumelicus beobachtet sie. „Du bist wiedergekommen.“
„Natürlich“, erwidert sie. „Ich habe dir auch etwas
mitgebracht.“
Freya holt einen kleinen, in Tuch gewickelten Tonnapf aus dem Korb
und stellt ihn auf den kleinen Tisch. Er öffnet ihn und erstarrt.
„Das… das kenne ich…“ – Er riecht daran, schließt die Augen. „Du
hast es immer gemacht, wenn ich krank war. Freya nickt lächelnd:
„Ich habe das alte Tongefäß aufbewahrt. Deine Mutter benutzte es
auch. Es hatte in den Augen der Römer keinen Wert. Daher durfte
ich es behalten.“
Freya erklärt die Wirkung: „Diese Suppe stärkt das Blut, beruhigt
den Zorn, heilt müde Glieder und verjagt die Kälte.“
Nach der Suppe stellt sie noch eine Schale vor ihn hin und hebt
das Tuch, das sie bedeckt. Ein süßlich-nussiger Duft steigt auf –
geröstete Haselnüsse, vermischt mit dunklem Honig und den
fruchtigen Noten getrockneter Beeren.
Thumelicus’ Augen weiten sich. Er neigt sich näher heran,
schnuppert, dann starrt er Freya an.
„Das... das hab ich früher gegessen. Immer wenn ich traurig war.
Das ist...“
„Dein Lieblingsbrei“, bestätigt Freya leise. „Ich wusste nicht, ob
du dich erinnerst.“
Thumelicus greift mit den Fingern hinein, kostet. Er schließt die
Augen. Ein Lächeln schleicht sich über sein Gesicht. „Das schmeckt
genau wie früher. Wie bei dir... wie daheim.“
"Iss nicht mit den Fingern. Wir sind schließlich keine Barbaren. "
scherzt sie. Thumelicus lacht.
Er blickt sie an, ein wenig beschämt. „Ich dachte, ich hätte alles
vergessen.“
„Das Herz vergisst nicht so leicht“, sagt Freya und legt ihre Hand
auf seine.

Freya fährt leise fort: "Beim Hinausgehen habe ich ihn
begleitet. Kurz bevor er den Hof verließ, beugte er sich zu mir
und flüsterte: "Sag ihr… ich werde siegen. Und ich hole mir meine
Braut. So wahr ich Siegfried aus Vetera bin."
Etwas später im Gemach von Thusnelda. Ich kämmte ihr Haar und
sagte ihr was mir Siegfried zugeflüstert hatte:
"Er hat mir etwas aufgetragen. Der Herr aus Vetera."
Thusnelda blickt mich neugierig an: "Siegfried?"
"Er sagte… Sag ihr, ich werde siegen. Und ich hole mir meine
Braut. So wahr ich Siegfried aus Vetera bin.“
Dann war Stille. Thusnelda sah wieder in ihren Spiegel, aber ihr
Blick wurde sanft. Ein wenig stolz. Dann ein kaum sichtbares
Lächeln.
Thusnelda: "Der Narr. Er spricht, als gehöre ich ihm schon."
Ich fragte sie: "Und gehört Ihr ihm?"
Thusnelda stand langsam auf, trat ans Fenster. Draußen nur
Dunkelheit und ferne Stimmen.
Thusnelda: "Noch nicht. Aber wenn er hält, was er sagt… wer weiß,
wem ich dann gehöre."
Ich meinte vorsichtig: "Und der, den dein Vater für dich will… ist
er ein schlechter Mann?"
Thusnelda sagte trocken: "Er ist nicht dumm. Er redet wenig.
Reitet aufrecht. Trägt Roms Farben."
Ich entgegnete: " Das klingt nicht wie Hass."
Thusnelda leise: " Nein. Aber auch nicht wie Feuer."
"Und bei Siegfried?"
Thusnelda blickte ins Leere: "Da ist keine Ruhe. Nur Sturm. Und
ich weiß nicht, ob er mich sucht… oder die Krone, die mein Vater
mit mir verhandelt."
"Und was willst DU?"
Thusnelda blickte mir direkt in die Augen: "Jemanden, der mich
will, weil ich für ihn mehr bin als eine Ware oder ein
Faustpfand."
Sie wandte sich ab, ging ein paar Schritte, dann blieb sie stehen.
Ein leicht spöttisches Lächeln auf den Lippen.
Thusnelda: "Für meinen Vater zählen Bündnisse - für mich zählen
Gefühle."
Thumelicus: "Was geschah danach? "
Freya: "Einige Tage danach hörte ich wie Segestes seiner Frau
erzählte, dass er Arminius’ Pläne bei Varus dem römischen
Heerführer verraten hatte.… und Varus soll darüber gelacht haben –
zusammen mit Arminius. Es war ein bitteres Spiel der Täuschung und
des Stolzes."
Thumelicus: "Und wie ging es weiter?"
Freya: "Siegfried hat sich seine Braut geholt wie er versprochen
hat. Deine Mutter Thusnelda hatte ihren eigenen starken Willen.
Siegfried – dein Vater – liebte sie, und sie ihn. Aber Segestes,
ihr Vater, wollte sie einem Mann geben, der Rom diente. Sie wollte
das nicht.“
Thumelicus sieht überrascht auf: „Also hat sie ihren Mann selbst
gewählt?“
„Ja,“ nickt Freya „Dein Vater kam in einer Nacht ohne Mondlicht.
Sie war vorbereitet. Sie stieg zu ihm aufs Pferd, und sie flohen
in den Wald. Fern von den Augen Roms ohne die Einwilligung ihres
Vaters gaben sie sich das Jawort – nach altem Brauch unter den
heiligen Eichen. Sie feierten mit Feuer und Met und versprachen
sich ewige Treue.“

Thumelicus schweigt einen Moment, dann fragt er leise: „Hat sie es
je bereut?“
Freya sieht ihn ernst an: „Nie. Auch als der Preis hoch war.
Auch als sie gefangen genommen wurde. Sie trug ihr Schicksal, wie
es eine Fürstentochter tut – mit erhobenem Haupt. Und immer mit
dem Glauben, dass ihre Liebe einen Sinn hatte.
Sie zeigte mehr vom Geist ihres Mannes als von dem ihres
Vaters; sie brach nicht in Tränen aus, noch flehte sie mit
Worten, sondern stand mit im Gewand verschränkten Händen da und
blickte auf ihren schwangeren Leib.“ (Tacitus Ann.
1.57)
Thumelicus blickt in die Flammen.
„Ich wünschte, ich hätte sie gekannt.“
Freya nimmt seine Hand und sagt: „In dir lebt sie weiter,
Thumelicus. In deinem Trotz, in deiner Art zu fragen – in deinem
Mut. Sie war stolz und sie war stark. Und du bist ihr Sohn.“
Thumelicus lächelt kurz, dann wird er wieder ernst. „Und
dann?“
Freya erzählt weiter: „Sie zog zu ihm in sein Haus. Dein Vater
hatte es mit allem eingerichtet, was er auftreiben konnte – sogar
römische Glasfenster, silbernes Geschirr, römische und germanische
Handwerkskunst. In einer großen Truhe war Schmuck, Silbergeschirr
und römische Gold- und Silbermünzen. Das hatten die Römer im Wald
zurückgelassen. Sie brauchten es wohl nicht mehr… Wir lebten in
Siegfrieds Haus. Siegfrieds Vater war im Jahr der Römerschlacht
gestorben und Siegfried war sein Nachfolger und somit der neue
Stammesfürst. Thusnelda war sehr glücklich, auch wenn der Frieden
nicht von Dauer war.“
„Wegen dem Vater meiner Mutter?“
„Ja - und natürlich wusste Siegfried auch, dass Rom zurückschlagen
wird.“ ergänzt Freya.

„Monate später lockte Segestes sie mit falschen Worten. Er ließ
ihr mitteilen, er wolle sich mit ihr versöhnen. Thusnelda glaubte
ihm – sie wollte den Streit beenden. Als sie bei ihm war, nahm er
sie gefangen und ließ sie nicht mehr zurückkehren.“
Thumelicus starrt in die Flammen. „Und mein Vater?“
Freya blickt ernst und fährt fort: „Als Siegfried davon hörte,
wurde er rasend vor Zorn. Er rief seine treuesten Männer zusammen,
marschierte zur Festung von Segestes und belagerte sie. Sie waren
bereit, Thusnelda mit Gewalt zu befreien. Segestes, in großer
Bedrängnis, schickte einen Boten zu Germanicus – dem römischen
Feldherrn. Der kam mit seinen Truppen und sprengte die Belagerung.
Segestes hat ihm dafür Thusnelda übergeben - als Geisel.“
Thumelicus erregt: „Die eigene Tochter ausgeliefert?"
Freya fährt fort: "Ein treuer Gefährte von Arminius schilderte mir
die Reaktion deines Vaters folgendermaßen:
,Den Arminius, von Natur schon heftig, trieb es wie wahnsinnig
umher, dass ihm die Gattin geraubt, dass sein Kind unter dem
Herzen der Mutter in Sklaverei sein solle.
Er flog durch die Gaue der Cherusker, Krieg gegen
Segestes, Krieg gegen den Caesar fordernd.
Auch mit Schmähungen sparte er nicht: der edle Vater, der
große Imperator, die tapferen Kriegs-scharen, die mit so vielen
Hände ein armes Weiblein entführt hätten!
Ihm seien drei Legionen und ebenso viele Legaten in den
Staub gesunken. Aber er führe freilich den Krieg nicht durch
Verrat, nicht gegen schwangere Frauen, sondern offen und gegen
Bewaffnete. Noch schaue man in Germaniens Hainen die römischen
Feldzeichen, die er den heimischen Göttern aufgehängt habe.
Immerhin möge ein Segestes das bezwungene Ufer bebauen und
den Sohn wieder zum Priester am Altar von Menschen machen. Wer
ein Germane sei, der könne nie entschuldigen, dass er zwischen
Elbe und Rhein einst Ruten, Beile und Toga gesehen habe.
Andere Stämme wüssten nichts von der römischen Art zu
herrschen, darum auch nichts von ihren Henkersbeilen, nichts von
Abgabenzahlungen; da sie sie (die Cherusker) nun dies
abgeschüttelt hätten, nun jener als Gott verehrte Augustus,
jener auserkorene Tiberius fruchtlos abgezogen seien, sollten
sie vor einem unerfahrenen Jüngling, vor einem aufrührerischen
Heer nicht erbeben!
Wenn ihnen Vaterland, Eltern und das Althergebrachte
lieber sei als Gewaltherren und neue Kolonien, so sollten sie
dem Arminius zu Ruhm und Freiheit folgen und nicht einem
Segestes zu schimpflicher Knechtschaft!' (Tacitus, Annales
1. 59-62)
Thumelicus: "Unfassbar! Und du? Wo warst du?"
"Ich war immer an ihrer Seite. Ich ließ sie nicht allein.“ sagte
Freya leise. "Ich habe geschworen, bei ihr zu bleiben – in Ketten
wie in Freiheit. Wir wurden auf einem römischen Schiff nach Rom
verbracht, zusammen mit anderen jungen Frauen vom Stamme der
Marsen. Die berichteten uns, wie die Römer unter Germanicus ihre
Dörfer überfielen. Männer, Frauen und Kinder töteten und ihre
Häuser, Heiligtümer und Nahrungsvorräte verbrannten. Nur die
jungen Frauen nahmen sie als Sklavinnen mit. Arminius konnte so
schnell nicht genügend Krieger hinter sich bringen um die
übermächtigen Römer nochmals zu besiegen. Nach erbitterten
Schlachten bei den Pontes Longi mussten sich sowohl Römer als auch
Germanen ohne einen Sieg zurückziehen. Als man sie entführte war
Thusnelda bereits schwanger. Als wir in Rom ankamen wurdest du
kurz darauf geboren. Zwei Jahre später fuhr Germanicus mit ihr und
dir zusammen als seiner Kriegsbeute in einem Siegeszug durch Rom …
und an der Seite der Römer saß ihr Vater Segestes als Zuschauer."
Thumelicus entsetzt: "Ich kann mir das kaum vorstellen. Die eigene
Tochter..."
Freya: "Sieh, mein Junge, seit diesem Tag trug deine Mutter ein
gebrochenes Herz in sich. Vielleicht war das auch ein Grund, dass
sie so früh gestorben ist."
Thumelicus: "Ich verstehe. Aber es ist alles so schwer zu
begreifen. "
Freya: "Ja, Thumelicus. Manchmal bleibt uns nur, die Geschichten
zu hören, sie zu ertragen und aus ihnen zu lernen."

Thumelicus: "Woran erinnerst du dich noch. Erzähle mir alles von
meinem Vater."
Freya beginnt: "Ein paar Tage nach dem ersten Besuch bei Segestes
- ich war gerade zu Besuch bei meiner Mutter. Du musst wissen,
meine Mutter war die Heilkundige und die Seherin unseres Stammes.
Von ihr habe ich alles über Kräuter und die Behandlung von
Verletzungen und Krankheiten gelernt. Da klopfte Siegfried an
unsere Tür. Er war allein, ohne Begleiter. Meine Mutter bat ihn am
Feuer Platz zu nehmen.
Sie warf ein paar mal trockene Nadeln in die Glut und und Flammen
stiegen hoch. Dann begann sie zu sprechen: ,Siegfried du willst
wissen was die Götter mir zugetragen haben. Ich sehe zwei Raben
die sich auf Adler stürzen. Ich sehe einen Lindwurm der im eigenen
Blut ertrinkt.'
Siegfried verstand. Er nickte zufrieden.
Die Seherin mit ernster Stimme: „Ja, du wirst siegen, Siegfried,
doch der Preis für den Sieg wird hoch sein. Blut wird fließen,
mehr als du ahnst. Die Schatten deiner Taten werden dich lange
begleiten – die Adler werden zurückkehren und nicht alle, die dir
nahe stehen, werden wieder heimkommen.“
Doch Siegfried war fest entschlossen: „Der Preis mag hoch sein,
doch unser Volk wird frei sein. Hab Dank weise Frigga. Deine Worte
stärken meinen Willen.“
Frigga mit ernster Miene: „Ich werde Wodan und Donar um ihren
Beistand bitten. Ihre Kraft wird dich auf deinem Weg schützen.“
Thumelicus: "Weißt du was die Worte deiner Mutter bedeuten?"
Freya: "Ja - die Raben sind das Symbol für die beiden Raben Wodans
unseren höchsten Gottes. Die Adler stehen für die Macht Roms. Der
Lindwurm meint das Heer der Römer die in ihrem Blut ertrinken. Ich
weiß nicht ob es durch meine Mutter bewirkt wurde, aber Donar hat
bei der Schlacht geholfen. Die Römer erzählen immer noch, dass sie
gesiegt hätten wenn das Wetter besser gewesen wäre. Am Tag
nach diesem Besuch zog Siegfried mit allen Stämmen die er auf
seine Seite bringen konnte in die Schlacht um unsere Freiheit und
besiegte in den Wäldern drei Legionen Roms."
Thumelicus: "Aber der Preis war hoch - so wie es deine Mutter
sagte. Meine Eltern tot - du und ich Gefangene Roms."
Freya nickte: "Das ist wahr, aber unser Volk ist frei. Rom hat
sich aus unseren Dörfern zurückgezogen."
Thumelicus ist wieder allein. Es ist Nacht und es ist still
geworden. Nur das entfernte Knarren des hölzernen Torbogens im
Wind, das gelegentliche Schnauben der Pferde in den Ställen sind
noch zu hören. Thumelicus liegt auf seinem Strohlager, den Kopf
auf den gefalteten Mantel gestützt. Der Duft von Freyas Suppe
liegt noch in der Luft – würzig, warm, wie ein Stück Erinnerung,
das sich nicht vertreiben lässt. Er lächelt. "Haselnussmus" denkt
er. „Wer hätte gedacht, dass ich mich an so etwas erinnere.“
Seine Finger tasten nach dem kleinen Lederbeutel, in dem er ein
paar getrocknete Kräuter aufbewahrt – ein kleines Geschenk von
Freya.
Sie riechen nach Kindheit - nach Heimat. Aber was ist das? Ein
Ort? Eine Person?


Die Abenddämmerung hat bereits begonnen und die Sonne glüht nur
noch rot am Horizont.
Thumelicus bemerkt einen kleinen alten Mann mit wenig Haaren der
ihn beim Training beobachtet hatte.
Als er an ihm vorbeigeht spricht dieser ihn an: "Bist du
Thumelicus?"
Thumelicus nickt: "Und wer will das wissen?"
Paulus: "Ich bin Paulus. Isidora hat mir berichtet von dir. Ein
junger Mann der Gott sucht."
Thumelicus: "Ich habe von vielen Göttern gehört: Mars, Wodan,
Jupiter, Donar… Jeder spricht von Macht, Zorn, Opfer. Aber keiner
erklärt mir: Warum lebe ich? Warum habe ich meinen Vater und meine
Mutter so früh verloren? Warum half keiner dieser Götter sie zu
retten?"
Paulus: "Die Götter, die aus Stein und Holz sind, geben keine
Antwort. Denn sie hören nicht, sie sehen nicht. Der wahre Gott
aber hat sich gezeigt – nicht in Macht, sondern in Barmherzigkeit.
Und in Christus hat er uns gezeigt: Du bist gewollt. Du bist nicht
allein. Er ist Mensch geworden und für unsere Sünden am Kreuz
gestorben."
Thumelicus: "Ich soll an einen Gott glauben, der gekreuzigt wurde?
Schwäche statt Stärke? Ich bin ein Sohn zweier Völker, und keines
will mich ganz. Was soll ich mit einem schwachen Gott?"
Paulus: „Gott beweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus
für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Röm 5,8)
Nicht deine Herkunft zählt, nicht dein Blut. Sondern dein
Glaube. Durch ihn wirst du angenommen, nicht durch Kampf
oder Opfer."
Thumelicus: "Und was ist mit Schuld? Ich trage den Namen meines
Vaters, aber kenne sein Herz kaum. Ich trage Waffen, aber mein
Herz ist leer."
Paulus: „Es gibt nun keine Verdammnis für die, die in Christus
Jesus sind.“ (Röm 8,1) Dein Herz wird nicht durch Blut von
Feinden gefüllt, sondern durch den Geist Gottes. Er macht dich
frei – nicht von Fragen, aber von Verlorenheit."
Thumelicus leiser: "Ich habe viele Schwerter gesehen. Keines hat
Frieden gebracht."
Paulus: "Dann leg dein Schwert nieder, Thumelicus. Und nimm
das Wort an, das Leben schenkt. Nicht Gesetz, nicht Macht, sondern
Gnade rettet."
Thumelicus nachdenklich: "Wenn das wahr ist… dann ist euer
Gott der einzige, der mir nicht die Stirn bietet, sondern die Hand
reicht."
Paulus lächelt: "Und er hat sie längst ausgestreckt."
Thumelicus: "Man sagt, du sprichst von einem Gott, der die
Wahrheit kennt. Ich habe viele gehört, die das behaupten. Die
Götter meines Volkes fordern Blut. Die der Römer verlangen
Gehorsam. Dein Gott – was will er?"
Paulus: "Nicht dein Blut, nicht deine Leistung. Er will dein Herz
– und schenkt dir seine Gnade."
Thumelicus spöttisch: "Ein Gott, der schenkt? Und das soll alles
sein? Kein Opfer, kein Schwur? Wie kann so ein Gott gerecht sein,
wenn er sogar die Schuldigen aufnimmt?"
Paulus: "Weil er selbst das Opfer wurde. Sein Sohn – Jesus
Christus – starb für die Schuld der Welt. Nicht, weil er schwach
war, sondern weil er stärker liebte als jeder Mensch es kann."
Thumelicus ungläubig: "Was ist das für ein Vater, der seinen Sohn
opfert? Kein Gott, den ich kennen möchte.Meinen Vater hat man mir
genommen – und du sagst, dein Gott gab seinen Sohn freiwillig
hin?"
Paulus: "Ja. Aus Liebe. Nicht als Zeichen von Macht, sondern als
Weg zur Versöhnung. Der Tod Christi war nicht das Ende, sondern
der Sieg über Tod und Schuld."
Thumelicus: "Und doch ist die Welt voller Leid. Mein Volk ist
zerbrochen. Meine Mutter starb gefangen, mein Vater durch Verrat.
Wo war dein Gott da?"
Paulus: "Auch ich war ein Verfolger. Ich sah Christen leiden. Ich
glaubte, Gottes Ehre zu verteidigen – bis ich blind wurde und
erkannte: Ich kämpfte gegen die Wahrheit. Gott war da – in der
Nacht, im Schmerz, in deinem Zweifel."
Thumelicus heftig: "Aber ich bin zerrissen. Ich bin Germane,
Römer, Sohn eines Getöteten, Sohn einer Verschleppten. Wo ist da
mein Platz?"
Paulus: „Nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist… sondern
der im Herzen. (Röm 2,28–29) Nicht deine Herkunft zählt,
sondern ob du in Christus bist. In ihm bist du ein neuer Mensch –
frei."
Thumelicus: "Und wenn ich zweifle? Wenn ich glaube und am nächsten
Tag wieder zerfalle?"
Paulus: „Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben … noch
Gegenwärtiges noch Zukünftiges … kann uns scheiden von der Liebe
Gottes.“ (Röm 8,38–39) Dein Glaube ist kein Werk – er ist
Antwort auf Gnade."
Thumelicus leise: "Vielleicht ist es das, was ich gesucht habe.
Kein Gott, der fordert, sondern einer, der mich kennt."
Paulus sanft: "Und dich liebt – nicht weil du stark bist, sondern
weil du bist."
Thumelicus bleibt still. Zum ersten Mal ist in seinem Herzen kein
Zorn, sondern Sehnsucht.

Thumelicus liegt in seiner Kammer, sein Blick an die Decke des
Raumes gerichtet. Der kühlende Abendwind weht durch das Fenster,
als wolle er alte Gedanken aufwirbeln. Im Hof hört er Stimmen
miteinander diskutieren – nicht laut, aber eindringlich.
Paulus’ Worte hallten nach. Ein Gott, der nicht Opfer forderte,
sondern sich selbst zum Opfer gemacht hatte. Ein Gott, der nicht
auf Blitzen ritt oder Blut verlangte, sondern Vergebung und Gnade
schenkte. Thumelicus hatte so etwas nie zuvor gehört. Doch war das
Schwäche – oder eine Form von Stärke, die er noch nicht verstand?
Er erinnerte sich an die Lehren seines Lehrers: Jupiter, der
Herrscher des Himmels – doch launisch, oft von Eitelkeit und
Rachsucht getrieben. Mars - der Kriegsgott – verehrt, gefürchtet,
aber auch verantwortlich für sinnloses Sterben. Die Götter der
Römer glichen oft mehr den Menschen als einem Ideal. Machtvoll,
ja. Aber auch unbarmherzig.
Und dann waren da die Geschichten seiner Kindheit. Freya hatte ihm
von Donar, Wodan und Frigga erzählt. Mächtige Wesen, tief mit der
Natur verbunden. Kein Pantheon aus Marmor und Tempeln, sondern aus
Nebel, Blut und Bäumen. Die Schlacht im Wald gegen Varus kam ihm
in den Sinn – die Römer hatten das Wetter verflucht. Regen, Nebel,
Sturm. Ein Zufall? Oder hatten die Götter der Wälder den Germanen
beigestanden?
Auch Germanicus, der angeblich so siegreiche römische Feldherr,
war gescheitert, als er mit Schiffen die germanischen Stämme
umzingeln wollte – der Sturm kam plötzlich, gewaltig, als hätte
eine unsichtbare Macht ihn geschickt.
War das nur Aberglaube – oder verbarg sich darin eine Wahrheit?
Haben vielleicht die Menschen die Götter erschaffen und nicht die
Götter die Menschen?
Thumelicus’ Herz pochte. Paulus hatte von einem allmächtigen Gott
gesprochen, doch was war mit den alten Kräften seiner Heimat? War
ein unsichtbarer, fremder Gott wirklich größer als Donar, der mit
seinem Hammer Stürme entfesselte? Oder Wodan, der über das
Schicksal der Krieger entschied?
Er fühlte sich zwischen zwei Welten. Er fand keine leichten
Antworten. Doch zum ersten Mal begann er, nicht nur zu fragen,
sondern in den Widersprüchen nach einem Sinn zu suchen.
„Bist du da, Vater?“, flüstert er. „Hast du mich gesehen heute?
Hast du gesehen, wie ich den Schild gehalten habe - wie ich
pariert habe? Ich glaube, ich war gut.“
Dann wird sein Blick dunkler.
„Hattest du auch so viele Gedanken in deinem Kopf? Hast du je
gezweifelt? Warst du jemals glücklich? Oder nur wütend? Hast du
wirklich geglaubt, Freiheit ist mehr wert als das Leben?“
Er denkt an Paulus. An seine Worte: „Denn wir sind gerettet in
Hoffnung.“
„Hoffnung! Ich weiß nicht, ob ich gerettet bin“, murmelt er. „Aber
ich hoffe.“
Er zieht die Decke höher. Die Erinnerungen sind wie Mosaikstücke,
die nicht zusammenpassen wollen. Das Lächeln seiner Mutter eine
blasse Erinnerung oder nur eine Phantasie? Die raue Stimme seines
Onkels. Die Hände Freyas in seinem Haar. Und irgendwo zwischen all
dem – er selbst. Er denkt nach über all diese Begegnungen. Was
sollten sie bedeuten? Waren es Hinweise der Götter, die ihm helfen
sollten, seinen Weg zu finden?
Er denkt nach über seine Möglichkeiten. Einfach jeden Tag neu
beginnen und kämpfen, um zu überleben?
Das Training wird immer anspruchsvoller und gefährlicher. Die
Waffen sind nicht mehr aus Holz sondern aus Eisen. Bald werden sie
in der Arena kämpfen müssen. Er war zuversichtlich. Luca hatte ihn
gut ausgebildet – ihn härter kämpfen lassen als jeden anderen. Und
er hatte Balmung.
Sein Onkel hatte einmal gesagt, dass es vielleicht auch für ihn
einen Weg geben könnte. Als erfolgreicher Gladiator konnte man
viel Geld verdienen. Vielleicht könnte er sich irgendwann selbst
freikaufen, wenn er nur lange genug überlebte.
Isidora hatte erzählt, dass es ihr so gelungen war, sich selbst
freizukaufen. Oder sollte er auf den jüngsten Vorschlag von
Isidora eingehen? Sie besuchte ihn regelmäßig und beim letzten Mal
hatte sie ihm einen verwegenen Vorschlag unterbreitet. Sie wollte
den Wachen beim Vorbeigehen einen Schluck Wein anbieten. Isidora
kannte sich mit Pflanzen aus, welche die Sinne verwirren und
welche die schläfrig machen. Wenn die Wachen dann schliefen, würde
ein Fahrer mit einem Wagen geladen mit Fässern auf ihn warten, und
er könnte sich in einem davon verstecken und so Roms Stadtgrenzen
überwinden. Danach sollte er sich bis in seine cheruskische Heimat
durchschlagen.
"Isidora – ich glaube, sie mag mich wirklich." sagte er leise zu
sich selbst. Sie hatte von ihm nie Geld verlangt, und sie ginge
selbst ein hohes Risiko ein.
Er denkt an das cheruskische Küchenmädchen, das er damals
kennengelernt hatte, bevor er in die Gladiatorenschule gebracht
wurde. Sie hatte geweint, als sie ihn abholten. Ob sie wohl in ihn
verliebt war? Sie hatten zusammen viel gelacht, und es war schön
gewesen, jemanden zu haben, mit dem man in seiner Muttersprache
sprechen konnte. Vielleicht könnte er mit ihr zusammen fliehen.
Er malte sich ein Leben aus, wie seine Eltern es für kurze Zeit
gehabt hatten. Freya hatte es ihm so gut beschrieben, dass er es
sich perfekt vorstellen konnte.
Seine Mutter? Leider war ihm und ihr wenig gemeinsame Zeit
vergönnt gewesen.
Freya – die gute und treue Seele. Sie hatte die Ereignisse ins
Rollen gebracht. Seitdem war nichts mehr wie zuvor.
Morgen ist ein neuer Tag. Er wusste, ein schwerer Gegner wartet
auf ihn. Leider muss er gegen ihn ohne Balmung kämpfen. Luca hat
angekündigt, es wird ein Kampf mit Dreizack und Netz werden.
Vielleicht wird es ein Tag wie jeder andere. Aber jetzt, in diesem
Moment, ist er einfach: Thumelicus. Ein Sohn, ein Schüler, ein
Mensch.
Und mit diesem Gedanken schläft er ein.
Die Rezepte setzen sich aus Überlieferungen, sowie zu dieser Zeit verfügbaren Zutaten zusammen.
Ich übernehme keine Haftung für etwaige Unverträglichkeiten oder Schäden.

